Braucht Neue Musik Vermittlung?

Patrick Frank, Dissonanz Nr. 93
Statement zur von der Pro-Helvetia initiierten Diskussion
‚Braucht Neue Musik Vermittlung?‘

Wann wird Neue Musik gegenwärtig?
Neues
Kunst hat, nach Niklas Luhmann (vgl. Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, S. 228), etwas zu tun mit dem Verhältnis zwischen Überraschung und Wiedererkennen. Jede zeitgenössische Kunst, die dieses Kunstverständnis beibehalten will, wird direkt oder indirekt Neues suchen. Die Frage lautet daher nicht, ob zeitgenössische Musik Neues suchen muss, sondern grundsätzlicher, ob sie Kunst bleiben oder Entertainement werden will. Denn beim Entertainement geht es nicht primär darum, neues kompositionstechnisches Material zu finden.Wiedererkennbar ist ein musikalischer Gedanke, demgegenüber artikuliert sich die Überraschung in äusseren Umständen, etwa der von Menschenmassen verursachten Rauschwirkung bei Pop-Konzerten mit Alkohol, Flirten etc. Die Suche nach neuem künstlerischen Material ist die Seele jeder Kunst, die Kunst ist. Von Kunstförderungsinstitutionen müsste erwartet werden, dass sie die Fachkenntnis besitzen, zwischen wiederkäuender und erstmals gekauter Kunst unterscheiden zu können.

Altes zu Neuem
Die von Herbert Spencer beschriebene Entwicklung der Gesellschaft von der Homogenität zur Heterogenität führte auch zur Ausdifferenzierung des Subsystems Kunst (vgl. Herbert Spencer, First principles, London:Williams & Norgate 1862). Die hochspezialisierte zeitgenössische Kunst gerät heute mit einer generellen gesellschaftlichen Entwicklung, die die Werte der Heterogenisierungsphase radikalisiert, unter Druck. Die als „Re-Homogenisierung“ unter der Führung des globalen Marktes zu charakterisierende Tendenz weicht Grenzen auf – dabei bedeutet Re-Homogenisierung nicht Vernichtung von kultureller Vielfalt, sondern eine zunehmende Vereinheitlichung der Zielsetzung von Kunst: Es überlebt diejenige Vielfalt, die dem globalen Markt dient, und sei es als Nische (vgl. Ulrich Beck,Was ist Globalisierung?, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997, S. 61ff.). Gesellschaftliche Bereiche durchdringen einander, was beim Subsystem Kunst dazu führt, dass entgegengesetzt stehende Sparten wie Pop- und Unpop-Musik anhand äusserer Momente wie z.B.Verkaufszahlen, Publikum etc. verglichen werden. „Globalisierung erzwingt Bindungen“ (ebd., S. 92). Die Bindung von zeitgenössischer Kunst an eine von Politikern geforderte Konsumhaltung ist eine ungewollte, aber unvermeidliche Konsequenz.

Qualität?
Das, was als Qualität gilt, repräsentiert gesellschaftliche Übereinkünfte. Der Individualismus in der zweiten Moderne spiegelt sich auch in der individuellen Qualitätsfindung. Gesellschaftlich mehrheitsfähige Übereinkünfte über inhaltliche Merkmale von Qualität sind pulverisiert. Für den Laien verliert die Kunstform Unpop-Musik auch darum an Attraktivität, weil Orientierungslosigkeit den Zugang erschwert. Das Qualitäts-Vakuum wird gefüllt:Verkaufszahlen sind das einzig verbleibende Merkmal für „Qualität“. Das, was sich verkaufen lässt, muss gut sein. Der Individualisierung folgt das Dirigat der Masse.

Die Komponisten
Wie dem begegnen? Das Klammern an ein ehemals legitimes avantgardistisches Elite-Denken entspricht nicht mehr der heutigen Kommunikation. Dieses Denken begründete seine Kommunikationsweise mit der Gesellschaft vor allem in der Avantgarde der fünfziger bis sechziger Jahre. Da aber die Avantgarde ihre gesellschaftliche Funktion im Zuge der Pluralisierung verloren hat, wird sie obsolet, wie schon vor Jahrzehnten erkannt wurde: „[…] ebenso wenig darf sie [die Kunst] an der Tatsache vorbeigehen, dass die Kunst längst in eine postavantgardistische Phase eingetreten ist“ (Peter Bürger, Die Theorie der Avantgarde, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974, S. 78). Das Loslassen der elitären Blase hat nichts mit Anbiederung und dem Ausverkauf der künstlerischen Autonomie zu tun. Im Gegenteil: Erst dadurch tritt man in eine Kommunikationsweise, die der heutigen entspricht. Offenheit für Neues, die Voraussetzung für eine Kunstform, welche „Neu“ sogar im Namen trägt, ist in der Neuen Musik meist auf eng definierte Bereiche beschränkt. Einigelnd in die wohlige Wärme der altbewährten Formen und bekannten Gesichter, werden Angriffe von aussen abgewehrt. Die Haltung des Selbstbildnisses „Komponist“ und die damit einhergehende Vermittlung von Musik müsste sich ändern, nicht aber ihr Inhalt. Pseudowissenschaftliche Vermittlung spricht die an, die bereits gewonnen sind. Unsere Gesellschaft ist emotionaler bzw. hedonistischer geworden (vgl. dazu die empirischen Sozialstudien in: Helmut Klages, Der blockierte Mensch, Frankfurt am Main: Campus-Verlag 2002, bes. S. 33) – vermittelt werden muss in der Sprache der Gesellschaft: emotional, unmittelbar die Wahrnehmung betreffend. Das Interesse des Publikums, das sich nicht einer vereinheitlichenden Oberflächenästhetik unterwerfen will und anspruchsvollere Wahrnehmungformen sucht, ist gross. Dort, wo die Tore geöffnet wurden, wo das Bild dieser Kunstform nicht einer eingeschworenen Experten-Gemeinde gleicht, die für den Laien kaum einladend wirkt, strömen die Zuschauer, weil Gegenwart vermittelt wird. Unterschätzen darf man diese Aufgabe nicht – die äussere Form der Darbietung muss als kompositorisches Problem anerkannt werden, die pure Verpflanzung zeitgenössischer Musik in „alltägliche“ Kontexte genügt nicht: hier böten sich neue Felder künstlerischer imagination. Die Vermischung der Szenen, die Verwischung der Qualitätsmerkmale und das Bewusstsein über Innovation und Eklektizismus: der ständig neue Blick auf die Gegenwart sollte unabdingbar sein – nicht nur für Kulturförderungsinstitutionen, sondern auch für Komponisten.

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