Der schalltote Raum

Aufnahme der Uraufführung
Auftragswerk der camerata Zürich.
für Streichorchester und 7 Holzbläser.
Dauer: 12’.
Uraufführung am 18.3.2006, Tonhalle, Zürich.
Weitere Aufführung: 19.3.2006, Radiostudio Zürich.

Ausführende

camerata Zürich

Werkinformation

Wie lässt sich das postmoderne Problem des anything goes kompositorisch thematisieren? Das Werk Der schalltote Raum negiert dasjenige kompositorische Element, welches bis zur Postmoderne Zeichen kompositorischen Fortschritts war: das Tonhöhensystem. Ein differenziertes Tonhöhensystem wird bewusst vermieden; entweder erklingt nur ein Ton (und Oktavierungen) oder alle 12 der temperierten Stimmung gleichzeitig.
Während dem Stück schweigt zwei mal das Orchester; stattdessen dringt von aussen, weit weg, die Musik Mozarts in den Konzertraum ein – dasselbe Werk, welches nach dem schalltoten Raum vollständig vom Orchester aufgeführt wird. Eine differenzierte Tonauswahl gelingt im schalltoten Raum also nur als Vergangenes (und Fremdes) in Form der funktionalen Tonalität.

Der schalltote Raum ist das erste Werk in der thematischen Reihe, die soziale Indifferenz im Blick hat. Die Fortsetzung dieser Reihe bildet das Projekt Limina.

Presse

NZZ, 20.3.06 
Verknüpfungen
Uraufführung von Patrick Frank durch die Camerata Zürich
Alfred Zimmerlin

azn. Welche historischen und ästhetischen Distanzen bestehen zwischen 
Domenico Cimarosas Ouverture „I traci amanti“, Mozarts Ouverture zu „La
finta giardiniera“ und dem zwischen ihnen als Uraufführung erklingenden 
Stück „Der schalltote Raum“ von Patrick Frank (geb. 1975). Und doch finden 
sie alle im selben Konzert der Camerata Zürich unter der Leitung von Marc
 Kissóczy, im selben Raum, dem Radiostudio Zürich, statt und sind Gegenwart 
für ein Publikum von heute. Frank thematisiert dies in seinem Werk. Da wird
 zunächst zart, später immer handfester der Raum erforscht, in dem das 
Konzert stattfindet. Mit einem einzigen Ton (dem zweigestrichenen e), der 
vom auf der ganzen Breite der Bühne mehr oder weniger symmetrisch placier
ten Streichorchester farblich und räumlich ausgelotet wird. Genau an dem 
dramaturgischen Punkt, wo die Musik im Grunde von diesem einen Ton nicht 
mehr weg kann, stürzt das Orchester gleichsam in die Tiefe und schweigt. Und
 von draussen meint man Bläser Mozart üben zu hören – das im Konzert nach
folgende Stück. Die Überraschung ist perfekt, und die so ausgelöste Irritation 
lässt einen das gegenwärtige Nebeneinander von Alt und Neu bewusst erleben.
 Erneut setzen die Streicher mit „ihrem“ Ton ein, doch diesmal aus der Tiefe, 
denn jetzt haben sie auch den ganzen Tonraum besetzen können. Die Irritation 
passiert jetzt in der Farbe: Plötzlich dringen von rechts, von links auch Oboenklänge an das Ohr. Es setzt gleichsam eine Art „Konzertieren“ ein, zwischen den 
Oboen, den Streichern und dem von aussen eindringenden Mozart, bis die Streicher 
schliesslich das Geschehen ganz in einem alles aufsaugenden Klang aufgehen 
lassen. Ein tolles Stück, nach dem man Mozarts „Finta giardiniera“ und die ganze 
zweite Konzerthälfte anders hört. Die brachte das etwas gar larmoyante Konzert für 
Violine und Streichorchester des Armeniers Tigran Manssurjan, das allerdings von 
der jungen Geigerin Chouchane Siranossian phantastisch interpretiert wurde. Zum 
Schluss gab es Joseph Haydns Sinfonie Nr. 80, d-Moll: Frecher kann auch Patrick 
Frank nicht komponieren, und die Camerata Zürich und Marc Kissóczy brachten 
das Werk wunderbar, mit der nötigen Unverschämtheit.
Zürich, Radiostudio, 19. März.

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