Responsorium I-X

(Studie II zum Jetzt-Möglichen, 2008)

Auftragswerk vom Ensemble Laboratorium.
für grosses Ensemble.
Dauer: 15’.
Uraufgeführt am 9.11.2008, Tonhalle Zürich.

Ausführende

Ensemble Laboratorium.

Text zu I. – X.

I.
Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam et secundum multitudinem miserationum tuarum dele iniquitatem meam.
(Gott, sei mir gnädig nach Deiner Güte und tilge meine Sünden nach Deiner grossen Barmherzigkeit.)
Miserere, Psalm 50.
II.
Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welche ihre Vorfahren ihn hatten – ohne zu wissen warum. Und weil der menschliche Geist von Natur aus dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, und nicht, weil er denkt, wählten die meisten dieser jungen Leute die Menschheit als Ersatz für Gott.
Pessoa, F.: Das Buch der Unruhe, S. 16
III.
Als Gewalt des getrennten Gedanken und als Gedanke der getrennten Gewalt, ist es der Philosophie nie durch eigene Kraft gelungen, die Theologie aufzuheben. Das Spektakel ist der materielle Wiederaufbau der religiösen Illusion. Die spektakuläre Technik hat die religiösen Wolken nicht aufgelöst, worin die Menschen ihre von ihnen losgerissenen, eigenen Kräfte gesetzt hatten: sie hat sie nur mit einer weltlichen Grundlage verbunden. So ist es das irdischste Leben, welches undurchsichtig und erstickend wird. Es verweist nicht mehr in den Himmel, sondern beherbergt bei sich seine absolute Verwerfung, sein trügerisches Paradies. Das Spektakel ist die technische Verwirklichung der Verbannung der menschlichen Kräfte in ein Jenseits; die vollendete Entzweiung im Inneren des Menschen.
Debord, G.: Die Gesellschaft des Spektakels, S. 20
IV.
Produzieren heisst gewaltsam etwas materialisieren, was zu einer anderen Ordnung, zur Ordnung des Geheimnisses und der Verführung gehört. Die Verführung ist überall und immer das, was sich der Sichtbarmachung entgegenstellt. Die Verführung zieht etwas aus der Ordnung des Sichtbaren zurück, die Produktion errichtet alles im Sichtbaren, sei es nur die Produktion eines Objekts, einer Chiffre oder eines Konzepts.
Jean Baudrillard: Von der Verführung, S. 54.
V.
Sein wird Design.
Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?, S. 81.
VI.
Vieles an dieser alltäglichen Ästhetisierung dient ökonomischen Zwecken. Durch Verbindung mit Ästhetik lässt sich auch Unverkäufliches verkaufen und Verkäufliches zwei- und dreimal verkaufen.
Wolfgang Welsch: Grenzgänge der Ästhetik, S. 13.

Im Siegeszug des Weltmarktes werden die wenigen ‚weissen Flecken’, die auf der Weltkarte übriggeblieben waren, entfernt; d.h., immer mehr Regionen und Nischen werden in das kapitalistische System integriert und dadurch lokale und nationale Selbstversorgungs- und Wirtschaftsräume aufgelöst.
Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?
VII.
Das Ziel der Theorie kann nicht darin bestehen, Widerspiegelung des Realen zu sein, noch darin, zu diesem in ein Verhältnis kritischer Negation zu treten. Das war der fromme Wunsch eines verewigten Zeitalters der Aufklärung.
Jean Baudrillard: Das andere Selbst, S. 76
VIII.
Der Geist der Aufklärung ist in alles eingedrungen, auch in die Fortschrittsvorstellung, unablässig wird revidiert und reformiert, werden Ziele und Mittel verändert. Was nicht ist, kann noch werden, auch beim Sterben. Kontingenz, Riskanz und Zumutungen der modernen Fortschrittsgesellschaften nehmen nicht nur zu, sondern verkehren den sogenannten Fortschritt häufig in das Gegenteil. Macht (…) der moderne
Fortschrittsgedanke den Sinn des Lebens und den Sinn des Todes zunichte?
Peter Gross: Jenseits der Erlösung, S. 92
IX.
Diese gesellschaftliche Abwesenheit des Todes ist mit der gesellschaftlichen Abwesenheit des Lebens identisch.
Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, S. 144
X.
Cor mundum crea in me, Deus, et spiritum rectum innova in (Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist.)
Miserere, Psalm 50.

Werkinformation

Das Responsorium war traditionell eine Form der religiösen Moralisierung der Gemeinde im musikalisch (unbegrifflichen) und textlich (begrifflichem) Medium. Komponiert man heute ein Responsorium muss berücksichtigt werden, dass die religiöse Instanz ihre moralisierende Kraft eingebüsst hat. Infolgedessen stellt sich die Frage, ob heute im Zuge der Pluralisierung und der damit einhergehenden radikalen Erhöhung der Freiheitsgrade – die eine beträchtliche Nivellierung der Moral zur Folge hat – Moral überhaupt noch gesellschaftlich toleriert wird. Hingegen ist offenkundig, dass keine Gesellschaft ohne Moral existieren kann; welches sind heute die moralisierenden Kräfte? Welche Rolle spielt die Kunst dabei?

Presse

NZZ, 19.10.08
Zwischen Reflexion und Spiel: Jüngere Komponisten auf Sprachsuche.
Alfred Zimmerlin.

(…) 
Risikobereitschaft
Symphatisch und wichtig ist, dass das Festival auch einer jüngeren Komponistengeneration eine Plattform bietet. So wurde vom Ensemble Laboratorium ‚Responsorium I-X’ des Schweizers Patrick N. Frank (geb. 1975) uraufgeführt. Ihn beschäftigt die brennende Frage, wie in einer Zeit des ästhetischen Pluralismus und des Fehlens verbindlicher Wertmassstäbe noch komponiert werden kann.
Und so steht im Hintergrund seines Werkes quasi als Dialogpartner des Erklingenden eine Sammlung von zehn philosophischen, religiösen und soziologischen Textfragmenten, welche im Programmheft abgedruckt sind und die man mit Gewinn liest. Ob Teile davon wirklich Baldur Brönnimann in der Doppelrolle als Dirigent und Schauspieler anvertraut werden müssen? Manches geht nicht auf in dieser dichten, expressiven und sehr eigenständigen Musik. Aber Frank riskiert dabei viel, er irritiert, und das ist wichtig und richtig.
Dass das Komponieren von Neuer Musik jedes Mal ein Wagnis sein sollte, haben längst nicht alle Komponierenden begriffen. Frank indes liess sich eindrücklich auf das Wagnis ein. Und Altmeister Helmut Lachenmann tat dies in seinem in Klavierlieder-Besetzung geschriebenen ‚…got lost…’ (2008) auf exemplarische Weise: (…)
Tages Anzeiger, 11.11.08
Die Komposition des Zürcher Komponisten Patrick N. Frank
hinterfragt und hintertreibt.
Thomas Meyer.

(…) Aus Schweizer Sicht ist besonders die Uraufführung eines neuen Werkes des Zürchers Patrick N. Frank zu erwähnen. Frank ist ein Komponist, der es nicht mit schönen Klängen bewenden lässt, sondern seine Musik hinterfragt und hintertreibt.
So gut das eben geht, muss man anfügen, denn eigentlich ist Musik nicht zur Metamusik geschaffen. So basiert sein Stück auf verschiedenen philosophischen Texten, die im Programmheft vorliegen. Nachdem sich die Musik schon mit einiger mal chaotischer, mal geordneter Energie entwickelt hat, werden diese teilweise auch rezitiert. Der Dirigent dreht sich um und wirft sie ins Publikum, er stellt das Klingen damit in Frage.
Das wirkt freilich so, als würde jemand seine starke, äusserlich aparte und von allen bewunderte Brille plötzlich abziehen, mit Blick auf das schöne Gestell sagen: , und die Brille wieder anziehen, worauf er wieder gut sieht und wir sie weitrer bewundern können. Ähnlich wirkte das in Franks Musik. Die abwechslungsreiche Musik liess sich nicht wirklich stören, die Metaebene funktionierte nicht. Und doch machte gerade die Unmöglichkeit dieses Unterfangens einen gewissen Reiz dieses Werks aus. Es interessiert, weil es sich nicht zufrieden gibt.

Dissonanz 105, März 09
Kurzweile, Diskursangst.
Die Tage für Neue Musik Zürich (6.-15.November 2008).
Thomas Meyer.

(…) Aus Schweizer Sicht ist ein neues Werk des Zürchers Patrick N. Frank erwähnenswert. Er lässt es nicht mit schönen Klängen bewenden, sondern hinterfragt und hintertreibt sie – so gut das eben geht, muss man anfügen, denn eigentlich ist Musik nicht zur Metamusik geschaffen.
So basiert sein Stück auf verschiedenen philosophischen Texten, die im Programmheft vorliegen, die aber auch teilweise, nachdem die Musik schon mit einiger mal chaotischer, mal geordneter Energie entwickelt hat, rezitiert werden. Der Dirigent dreht sich um und wirft sie ins Publikum, er stellt das Klingen damit in Frage. Das wirkt freilich so, als würde jemand seine aparte undvon allen bewunderte Brille plötzlich abnehmen und mit Blick auf das schöne Gestell sagen: , und sie gleich wieder aufsetzen, worauf er wieder gut sieht und wir sie weiter bewundern können. Ähnlich wirkte das in Franks Musik. Die abwechslungsreiche Musik liess sich nicht wirklich stören, die Metaebene funktionierte nicht. Und doch machte gerade die Unmöglichkeit dieses Unterfangens einen gewissen Reiz dieses Werks aus. Es interessiert, weil es sich nicht zufrieden gibt. PS. Mit dieser Kritik, wie sie ähnlich im Tages-Anzeiger veröffentlicht wurde, gab sich Frank natürlich auch nicht zufrieden. Hier ein paar Auszüge aus unserem anschliessenden E-Mailwechsel:

PF: Die Philosophie und die Kunst standen (und stehen) lange in Konkurrenz zueinander: das begrifflich-theoretische Denken vs. das unbegrifflich-ästhetische Denken. Aus dieser Konkurrenz entstanden hierarchische Modelle, die Philosophie meist zuoberst, die Kunst (weit) darunter. Alles bekannt soweit. Im Responsorium (und auch schon im Projekt Limina) greife ich auf das begriffliche Denken zurück – nicht, um eine ‚Metaebene‘ zu schaffen, sondern um beide Sphären einander befruchtend gegenüberzustellen, nicht konkurrenzierend. Was das begriffliche Denken kann, kann das Ästhetische nicht und umgekehrt. Adorno: ‚Desshalb bedarf Kunst der Philosophie, die sie interpretiert, um zu sagen, was sie nicht sagen kann, während es doch nur von Kunst gesagt werden kann, indem sie es nicht sagt’. (Ästhetische Theorie, S.113)
 Du hast Recht, wenn Du sagst, es sei ‚unmöglich‘ – verschmelzen möchte ich beide Sphären nicht. Insofern gibt es keine ‚Metaebene‘, sondern gemeinsam erarbeitete Themenfelder, die Musik mit musikalischen Mitteln, die Philosophie mit Texten, in einem Werk gegenübergestellt. Im Responsorium kommt natürlich hinzu, dass die Form schon immer Text beinhaltete – darum habe ich es auch in meinem ‚gebraucht‘ – statt des geistlich-moralischen Textes von ehemals eine ‚zeitgenössisch‘ wissenschaftlich-moralische Textauswahl. Das Responsorium ist also nicht ‚direkt‘ moralisch-kritisch gemeint (durch die Zitate), sondern ein ‚Test‘, wie Moral, derart explizit dargestellt, heute noch wirken kann – mit (von mir) offen gedachtem Ausgang. Ich war mir nicht sicher, ob ich das in den Einführungstext beschreiben sollte, sah aber davon ab, da sonst der ‚Test‘ nicht neutral gewesen wäre…

TM: Fraglich vielleicht, ob Werke Testcharakter haben sollen/können. Ob sie damit nicht zu „einmalig“ werden…

PF: Du hast Recht, wenn ein Werk als Test daherkommt, ist die Gefahr gross, dass es nur einmal gespielt werden kann. Ich gehe inzwischen schon fast selbstverständlich davon aus, dass meine Werke sowieso nur einmal gespielt werden – zumindest am selben Ort. An einem anderen Ort würde es dann wieder funktionieren.Mir gefällt auch, dass ich offenbar ‚hintertreibe‘, was auch immer das heissen mag…als Gesamteindruck hab ich die Kritik durchaus positiv gelesen; meine ‚Message‘ ist kompliziert (jedoch nicht im direkt musikalischem Sinne, daher vor allem kompliziert!), daher bin ich glücklich, dass langsam immer mehr davon auch in den Kritiken sichtbar wird, auch in Deiner. Ein Teil dieser ‚Message‘ ist übrigens das Manko an Diskursen in der Neuen-Musik-Szene, aus diesem Grund erlaubte ich mir, Dir eine Rückmeldung zu geben. Verstehe sie insofern nicht als Kritik an der Kritik meines Werkes. Lediglich Deine Einschätzung von Parra/Thomalla würde ich etwas anders sehen, aber das ist ein anderes Thema und gehört nicht in meinen Bereich…

TM: Ich habe Deinen Text auch nicht so sehr als Kritik an meiner Kritik gelesen denn als Kommentar und Ergänzung. Und dass es an Diskursen in der Neuen Musik mangelt, stimmt natürlich. Ich frage mich schon lange, wie man die etwas aktivieren könnte, weiss aber noch nicht so recht wie. Es reicht einfach nicht, mal eine negative Kritik zu schreiben, denn in den Tageszeitungen bleibt das viel zu punktuell. Und in der Dissonanz oder so erhält man kaum Feedback. Ich bin da etwas ratlos geworden.
Und dann verwies Frank auf jenen Text zum Thema Widerstand, der in dieser Dissonanz zu lesen ist (S.18-21). So viel Berichte, so viele Fragen. Es wäre schön, wenn sich dieses Diskursfeld wieder öffnen liesse.

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