Zum Aussergewöhnlichen

Eine Einleitung (2010)

Die Thesen zum Aussergewöhnlichen erarbeitete Patrick Frank zusammen mit dem Philosophen Harry Lehmann.

Patrick Frank

Das Aussergewöhnliche verstehen wir im vorliegenden Projekt als kulturtheoretisches Beschreibungsmodell. Wir gehen von der Annahme aus, dass den gesellschaftlichen, heterogenen Entwicklungen und Strömungen, beispielsweise in der Kunst, gemeinsame Orientierungen zu Grunde liegen. Die Kunst einer Zeit widerspiegelt den „Geist“ dieser Zeit. Mit dem Begriff des Aussergewöhnlichen versuchen wir diesen Geist – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – zu beschreiben: Was war das Aussergewöhnliche, was ist es heute? In den untersuchten Zeitraum von der Romantik bis heute konnten wir drei grosse Umbrüche feststellen. Wir bezeichnen sie als das Aussergewöhnliche als Absolutes, das Aussergewöhnliche als Neues und die Massenkultur des Aussergewöhnlichen.

In der Romantik war der Orientierungspunkt das Absolute – alle spezifisch romantischen Auslegungen, die Liebe, das Fernweh, die Natur, die Irrationalität, das allgemeine Begehren der Erhabenheit, usw., fanden im Absoluten ihren gemeinsamen Sinn. Das Absolute war nicht nur sinnstiftend für die Musik oder für die Literatur, sie war ‚Avantgarde’ der romantischen Kultur im Allgemeinen. Auf die kürzeste Formal gebracht heisst es: In der Romantik war das Aussergewöhnliche das Absolute.

Das Absolute ist ein metaphysischer Glaube, der im Jahrhundert der Säkularisierung an Bedeutung verlor. Bildhaft gesprochen verschwand der metaphysische Himmel über der Erde und damit Gott und seine funktionalen Äquivalente. Der Mensch wurde sein eigener Gott (Nietzsche: Übermensch). Er war nun selbstbewusst genug, um sein Schicksal nicht mehr einer höheren Instanz zu übertragen, sondern selbst in die Hand zu nehmen.
Dies selbstbewusste Anpacken zog eine Dynamik nach sich, die in der Innovation, im Fortschritt und im Neuen den aktualisierten Orientierungspunkt fand. Das Aussergewöhnliche war nicht mehr das Absolute, das Aussergewöhnliche war nunmehr das Neue:

„Wenn sich die Moderne als das Zeitalter der Überwindung definiert, als Zeitalter des Neuen, das veraltet und umgehend von einer neueren Neuigkeit ersetzt wird, und zwar in einer unaufhaltsamen Bewegung, die jegliche Kreativität im gleichen Moment entmutigt, in dem sie sie als einzige Lebensform verlangt und auferlegt–, wenn dem so ist, dann kann man die Moderne nicht verlassen, indem man sie zu überwinden gedenkt.“ (Gianni Vattimo, Das Ende der Moderne.)

Kann sich das Neue ewig erneuern? Oder wird auch das Neue irgendwann müde? Die Geschichte lehrt uns: ja. In der Postmoderne erschöpfte sich das Neue. In den Künsten wurden alle Grenzen gesprengt, alle Tabus gebrochen – das Zeitalter des anything goes brach an. Wie reagiert eine Kultur, in der alles möglich erscheint (Toyota: Nichts ist unmöglich)? J. Baudrillard beschreibt sie als die ekstatische Gesellschaft, deren vordringlichstes Merkmal der Schein ist. Eine Steigerung ist nur noch als Schein einer Steigerung möglich, als ein ‚so-tun-als-ob’. Scheinhaftigkeit zeichnet sich durch qualitative Indifferenz aus. Damit ist gemeint, dass auf der inhaltlichen (qualitativen) Ebene Unterschiede irrelevant sind (anything goes) und stattdessen Quantität das Vakuum der Qualität ersetzt. Da qualitative Aussergewöhnlichkeit nicht mehr festzustellen ist, wird die Quantität zum neuen Instrument der Differenz. Quantität = Qualität lautet die Formel, mit der die ekstatische Gesellschaft effizient abermillionen indifferente Informationen verarbeiten kann. Darunter zu leiden haben diejenigen kulturellen Leistungen, die nicht quantitativer, sondern qualitativer Natur sind: beispielsweise die Kunst oder die Geisteswissenschaften. Mit dem Zwang zur quantitativen Logik wird auch die Kunst in den Sog des Scheins gezogen. Die Massenkultur des Aussergewöhnlichen ist das Bild einer entfesselten, möglichkeitsüberfluteten Gesellschaft im manischen Kampf um Differenz.

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